Logistik 4.0

10.06.2016 —

Was wohl die selige Maria Hellwig zu dem Menschenauf lauf in ihrem beschaulichen Reit im Winkl gesagt hätte? In den Liedern hatte die Volksmusiklegende stets die alten Zeiten besungen, etwa bei einem ihrer „Hits“, dem Postillion-Jodler, in dem sich der zünftige Brief- und Paketbote schon von weitem mit dem Posthorn ankündigt. Und nun versammeln sich internationale Fernsehteams, Journalisten aus allen Herren Länder und Schaulustige mit ihren Smartphone-Kameras im Anschlag in der oberbayrischen Idylle – und zwar rund um eine Paketstation auf einem verschneiten Berghügel am Ortsrand. Immerhin war es eine Premiere, quasi eine Show. Das hätte Maria Hellwig gefallen: Die Deutsche Post DHL hatte zum Jungfernflug ihres „Paketkopters“ eingeladen – die erste Paketzustellung ganz ohne menschlichen Boten. Die inzwischen dritte Generation der Drohne soll Päckchen von der Ortsmitte auf die Winklmoosalm fliegen können: Rund acht Kilometer und 500 Meter Höhenunterschied liegen dazwischen. Bis es dazu kommen konnte, wurde viel Geld in die Technik und Entwicklungszeit durch Programmierer, Ingenieure und Logistiker investiert. Ist das die schöne neue Welt des Transports und der Logistik? Gewiss: Auch in Zeiten von E-Mail, WhatsApp und Facebook fährt der Postillion, um im Bild zu bleiben, immer noch vor, um Briefe und vor allem Pakete abzuliefern. Aber statt in der Postkutsche fährt DHL, DPD, Hermes oder UPS mit dem Transporter vor. Die Logistik scheint sich auch in ihren Stammbereichen nicht verändert zu haben. Weiterhin werden unsere Warenströme zum großen Teil über die Straße abgewickelt. Schier nicht enden wollende LKW-Kolonnen auf unseren Autobahnen halten das Land und die Wirtschaft am Laufen. Sorgen dafür, dass die Supermärkte immer frisch beliefert werden, dass bei den Industrieunternehmen der Nachschub an Rohstoffen nicht stockt. Über den Hamburger Hafen treffen Tag und Nacht, sieben Tage die Woche Containerschiffe ein, um ihre Fracht aus Fernost oder Amerika zu löschen. Und vor dem Valentinstag werden am Luftfracht-Terminal Sonderschichten gefahren, wenn nämlich die Air-Cargo-Flieger frisch geschnittene Rosen aus Südamerika oder Kenia anliefern. Old-School-Technologie, möchte man sagen. Die Welt der Warenströme wird zusehends globaler – und vor allem digitaler. Freilich kaum ein Truck der namhaften Speditionen auf deutschen Autobahnen, der nicht per Datenleitung mit der Zentrale verbunden ist. Die checkt etwa, ob das Schiff mit den zwei für den Fahrer bestimmten Containern wegen Niedrigwassers in der Elbe einen halben Tag später am Hamburger Terminal ankommt. Für den Fahrer wird dann schnell berechnet, ob es sich lohnt, eine Zwischentour nach Bremen zu fahren. Ob Postdrohne, ein Containerterminal mit selbstfahrenden und untereinander kommunizierenden Transportern oder der per Satellitenleitung vernetzte Brummi-Fahrer: Eine derartige Vernetzung durch Digitalisierung nennt sich im Jargon der Branche Logistik 4.0. Und sie verändert die Branche derzeit massiv. Der Begriff steht dafür, dass unternehmensübergreifende und verzahnte Prozesse vom Lieferanten, über verschiedene Partner bis hin zu den Logistikdienstleistern und Transportunternehmen die permanente sowie zielgerichtete Bewegung von Waren und Ladungsträgern sicherstellen. Wissenschaftler arbeiten mit Logistikunternehmen unterdessen weiter an Visionen, die selbst den „Paketcopter“ für die Winklmoosalm alt aussehen lässt. Sicher: Es geht bei Logistik 4.0 vorrangig um die Automatisierung unternehmensübergreifender Prozesse. Die Experten sind nun zunehmend dabei, die Ladung selbst „intelligent“ werden zu lassen, indem sie autonom den eigenen Transport organisiert. Es geht um eine vollständig integrierte, vernetzte und automatisierte Wertschöpfungskette mit dezentralen Entscheidungsstrukturen. Treiber des Wandels in der Logistikbranche ist unter anderem das rasante Wachstum des Online-Handels. In Deutschland, Großbritannien und Frankreich ist laut einer Studie der Unternehmensberatung Roland Berger der Anteil des E-Commerce an dem gesamten Handelsvolumen der Länder um 14 Prozent gestiegen. Für die globale Logistikbranche birgt diese Entwicklung großes Geschäftspotenzial. Überhaupt spielt die Logistikbranche in den internationalen Handelsflüssen eine immer wichtigere Rolle. Im Jahr 2011 betrug das weltweite Umsatzvolumen dieser Industrie bereits 981 Milliarden Euro. Roland Berger prognostiziert, dass der Markt für Logistikdienstleistungen bis 2020 weltweit jährlich um bis zu 3 Prozent wächst. Indes müssen sich nun Logistikunternehmen an neue Marktentwicklungen mit anspruchsvollen Anforderungen anpassen – mit Logistik 4.0. Die neue digitale Logistikwelt fängt beim Kommissionierer an. Er hat quasi am Anfang einer jeden logistischen Dienstleistung die wichtigste Position. Weil er entscheidet, wie die Waren für die Auslieferung bzw. den Versand zusammengestellt und für den Transport vorbereitet werden. Einige Kommissionierer arbeiten bereits mit Datenbrillen („Smart Glasses“) und ersetzen damit Scanner und Papierdokumente. Das reduziert Fehler. Gleichzeitig kann auch einfach schneller gearbeitet werden, wenn man nun die Hände frei hat. Wie in einem Science-Fiction-Film sieht es mittlerweile auch in vielen Lagerhallen aus. Immer öfter fahren dort unbemannte Gabelstapler durch die Regalgänge. In Zukunft übernehmen zum Beispiel kamerabasierte Staplermanagementsysteme mit 3D-Ortung Steuerungs- und Überwachungsfunktionen oder die automatische Verladung. Ein schöner Nebeneffekt: Dabei optimieren sie die Fahrwege und dynamisieren die Flächenbewirtschaftung im Lager. Da würden Menschen nur noch stören.

Logistik 4.0 führt auch zur Aufwertung des Arbeitsplatzes 

Bei den neuen Technologien der Logistik 4.0 handelt es sich um intelligente Systeme, die in der Lage sind, genauso wie ein Mensch autonom Entscheidungen zu treffen. Durch den Einsatz dieser smarten Technologien wird es möglich, ganze Arbeitsgänge und Prozesse von intelligenten Systemen durchführen und steuern zu lassen. Aktuelle Logistik-Prozesse haben also mit der simplen Warenlagerung und dem Versand à la Postillion immer weniger zu tun. Vor allem: Gerade durch die Entwicklungen der Industrie und Logistik 4.0 ergibt sich eine neue Aufgabenteilung zwischen Mensch und Maschine. Der Mitarbeiter wird mehr kontrollierende und steuernde Funktionen übernehmen. Auf der anderen Seite nehmen die autonom agierenden Anlagen dem Menschen immer mehr standardisierte und anstrengende Arbeiten ab. In Zeiten des demographischen Wandels ein entscheidender Aspekt. Massiv leiden Unternehmen aktuell etwa an Fahrermangel. Der Trend in der Transportbranche geht daher aktuell ganz klar zur Aufwertung des Arbeitsplatzes. Mehr als bisher kommt es auf den einzelnen Mitarbeiter an, der mit seinem Know-how und der Fähigkeit, jede noch so komplexe Situation individuell zu lösen, Logistik 4.0 am Laufen halten kann. Der Mensch wird zum entscheidenden Zahnrad im Getriebe der „smart factory“. Es menschelt also weiterhin. In der Logistik allemal. Das hätte Maria Hellwig sicher gefallen: Auch wenn die Transportbranche jüngst mit Hochtechnologie in die Bergidylle von Reit im Winkl eingefallen ist. Ohne den „human factor“ ist die Technik nicht funktionsfähig. Der „Paketkopter“ konnte nämlich nicht starten. Es war zu kalt, und auf den Dachklappen der Abflugstation der Drohne lag so viel Schnee, dass ein Einheimischer erst einmal mit dem Besen räumen musste. Man sagt, er soll dabei gejodelt haben.

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